Brain Retraining bei ME/CFS – was kann es evidenzbasiert tatsächlich leisten?

Neuroplastizität bedeutet zwar, dass sich das Gehirn durch Lernen und Erfahrungen verändern kann, ist aber kein Beleg dafür, dass sich krankheitsbedingte Einschränkungen einfach wegtrainieren lassen. Entscheidend ist, zwischen erlernten Alarmreaktionen und einer tatsächlichen Überlastung der verfügbaren Ressourcen zu unterscheiden und deshalb individuell abzuwägen, wann Schutz, Anpassung oder vorsichtiges Training sinnvoll sein können.
Eine Stunde ist nicht immer eine Stunde – warum wir Belastung bei ME/CFS oft falsch einschätzen

Wir unterschätzen die Belastung bei ME/CFS häufig, wenn wir nur auf sichtbare Aktivität oder die Dauer einer Tätigkeit schauen. Der Belastungs-Zoom hilft dabei, körperliche, kognitive, sensorische, emotionale und soziale Anforderungen sowie die Folgen danach mitzudenken und damit auch Teilhabe anders zu verstehen.
Kontext statt Rezept

Best Practice kann bei ME/CFS nicht nach dem Prinzip „eine Empfehlung für alle“ funktionieren. Im Mittelpunkt steht die Bedeutung des individuellen Kontextes: Schweregrad, Belastbarkeit, PEM/PENE, Symptome und die konkreten Rahmenbedingungen müssen bei Diagnostik und Behandlung mitgedacht werden. Gute Versorgung bedeutet deshalb, fachliches Wissen so anzuwenden, dass es der tatsächlichen Situation des einzelnen Menschen gerecht wird.
P(e)acing statt Pacing?

Warum Pacing bei ME/CFS mehr sein muss als „Ruh dich aus“. Im Mittelpunkt steht die Idee des P(e)acing: die eigene Belastbarkeit wahrnehmen, Grenzen akzeptieren und gleichzeitig überlegen, wie innerhalb dieser „Tanzfläche“ möglichst viel Leben, Teilhabe und Selbstbestimmung möglich sind. Dabei lernen Familien, Belastungen und Körpersignale besser zu verstehen, den Alltag flexibel zu gestalten und Pacing gemeinsam als fortlaufenden Prozess zu leben.
Mitfühlen, ohne unterzugehen

Mitgefühl bedeutet, Menschen mit ME/CFS ernst zu nehmen und ihre Realität anzuerkennen, ohne dabei die eigenen Grenzen und Ressourcen aus dem Blick zu verlieren. Es geht darum, präsent und unterstützend zu sein, ohne jede Emotion oder Belastung des anderen übernehmen zu müssen. So kann Nähe und Unterstützung entstehen, ohne dass Angehörige, Fachpersonen oder Interessierte selbst ausbrennen.
Wenn das Gehirn nicht mehr filtern kann – was Fachpersonen über ME/CFS wissen sollten

Viele Menschen mit ME/CFS erleben eine veränderte Reizverarbeitung, wodurch alltägliche Situationen wie persönliche Gespräche oder therapeutische Settings deutlich mehr Energie kosten können, als von außen erkennbar ist. Für Fachpersonen kann ein Perspektivwechsel hilfreich sein: Nicht nur zu fragen, wie sich die Belastbarkeit steigern lässt, sondern auch, wie sich unnötige Belastungen im Alltag und in der Behandlung reduzieren lassen. Denn Teilhabe beginnt häufig nicht damit, dass Betroffene mehr leisten können, sondern damit, dass ihre Umgebung weniger Energie von ihnen verlangt.
Was hilft wirklich bei ME/CFS? – Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Wenn man mit ME/CFS lebt, klammert man sich oft an jede Hoffnung. Neue Medikamente, alternative Verfahren, Tipps aus Foren oder Erfahrungsberichte, alles kann wie ein kleiner Strohhalm wirken. Gleichzeitig ist einem bewusst: Es gibt (noch) keine zugelassene, kausale Therapie. Was bleibt, ist das Ausprobieren im eigenen Körper, mit allen Chancen und Risiken.
Ich möchte hier teilen, was mir selbst geholfen hat, kein ärztlicher Rat, keine Garantie, sondern ein ehrlicher Bericht, der vielleicht Orientierung gibt.
Wie eine Community heilen kann – Warum Gemeinschaft bei ME/CFS mehr ist als Austausch

ME/CFS betrifft nicht nur den Körper, sondern zersplittert auch Identität, Rollen, Beziehungen und Selbstbild. Heilung bedeutet hier nicht Symptomfreiheit, sondern aus den zerbrochenen Teilen wieder ein inneres Ganzes zu werden. Gemeinschaft kann dabei entscheidend helfen, indem sie Isolation aufbricht, emotionale Resonanz bietet und das Nervensystem reguliert. Gleichzeitig braucht es konkrete Werkzeuge wie Baseline und Pacing, um Stabilität, Orientierung und tragfähige Strukturen im Alltag wiederherzustellen.
Resilienz im Ausnahmezustand: Mental gesund bleiben als Eltern von Kindern mit ME/CFS

Eltern von Kindern und Jugendlichen mit ME/CFS leben oft über lange Zeit in einem belastenden Ausnahmezustand zwischen Sorge, Unsicherheit und strukturellen Herausforderungen. Resilienz bedeutet dabei nicht, immer stark sein zu müssen, sondern Wege zu finden, die eigene mentale Stabilität, Entlastung und Energie im Alltag bewusst mitzudenken. Kleine Strukturen, realistische Erwartungen und Unterstützung können helfen, langfristig handlungsfähig zu bleiben — für die Kinder und auch für die Eltern selbst.
Zwischen „wir müssen das Richtige tun“ und „das Richtige ist komplex“ – über Ambivalenz, Führung und Reife in der ME/CFS-Selbsthilfe

In der ME/CFS-Selbsthilfe zeigt sich eine Spannung zwischen berechtigtem Schmerz und der Notwendigkeit, Ambivalenz auszuhalten, um langfristig wirksam zu sein. Jahrzehntelange Nichtanerkennung hat tiefes Misstrauen hinterlassen, weshalb Führung heute bedeutet, Wut, Schutz und Offenheit gleichzeitig zu tragen. Reife Selbsthilfe entsteht dort, wo Angst nicht den Dialog blockiert, sondern in bewusste Gestaltungskraft und echte Anschlussfähigkeit verwandelt wird.