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P(e)acing statt Pacing?

Warum „Ruh dich aus“ für chronisch kranke Kinder oft nicht reicht und was Familien stattdessen brauchen.

„Du musst dich ausruhen.“ „Mach lieber eine Pause.“ „Das ist heute zu viel.“

Viele Eltern von Kindern und Jugendlichen mit ME/CFS kennen diese Sätze. Und sie sagen sie nicht, weil sie ihr Kind bremsen oder ihm etwas wegnehmen möchten. Sie sagen sie, weil sie erlebt haben, was passiert, wenn die Belastungsgrenze überschritten wird. Sie kennen PEM und wissen, dass die Folgen einer Aktivität manchmal erst Stunden oder sogar Tage später deutlich werden.

Eltern versuchen also, ihr Kind zu schützen. Gleichzeitig möchte das Kind vielleicht endlich wieder eine Freundin sehen, an einer Schulstunde teilnehmen oder etwas tun, das ihm Freude macht. So können sich zwei Menschen gegenübersitzen, die eigentlich dasselbe wollen und trotzdem in unterschiedliche Richtungen ziehen.

Aus Pacing wird dann schnell etwas, das sich für das Kind vor allem nach Verzicht anhört.

Genau hier beginnt ein anderes Verständnis von Pacing: Pacing kann man einem Kind nicht einfach beibringen. Pacing muss in einem Familienalltag möglich werden.

Pacing ist mehr als „weniger machen“

Beim Pacing geht es darum, Überlastung zu vermeiden und die vorhandene Belastbarkeit zu berücksichtigen. Doch daraus kann schnell eine einfache Gleichung entstehen: Belastung ist schlecht, Ruhe ist gut.

So funktioniert das Leben nicht.

Auch Ruhe kann anstrengend sein. Langeweile, Schmerzen oder Konflikte können Energie kosten. Gleichzeitig kann eine schöne Aktivität Kraft beanspruchen und trotzdem wichtig sein: ein Gespräch mit einer Freundin, zehn Minuten im Garten, ein Computerspiel, Musik, ein gemeinsames Essen oder eine halbe Schulstunde.

Leben besteht nicht nur aus Aktivität und Ruhe. Es umfasst körperliche, kognitive, emotionale, soziale und sensorische Anforderungen aber auch Dinge, die Freude, Zugehörigkeit, Orientierung und Selbstwirksamkeit ermöglichen.

Deshalb ist eine andere Frage hilfreicher:

Wie können wir das Leben innerhalb der vorhandenen Belastbarkeit gestalten?

Die eigene Tanzfläche erkennen

Dafür eignet sich das Bild eines Tanzbereichs.

Jeder Mensch hat einen individuellen Bereich, in dem Bewegung möglich ist. Bei ME/CFS kann sich dieser Bereich zusätzlich verändern, von Tag zu Tag, manchmal sogar innerhalb eines Tages. An einem besseren Tag ist mehr Raum da, an einem schlechteren kann die Tanzfläche erschreckend klein werden.

Diese Grenzen können wir nicht einfach wegmachen. Ein wichtiger Teil des Pacings ist deshalb Akzeptanz.

Nicht im Sinne von Aufgeben. Sondern im Sinne von: Das ist der Raum, der uns heute zur Verfügung steht. Wie können wir uns innerhalb dieses Raumes bewegen?

Denn wenn der Blick nur darauf gerichtet ist, was gerade nicht möglich ist, kann jeder Tag zum Mängelbericht werden: Schule geht nicht. Freunde gehen nicht. Sport geht nicht. Ausflüge gehen nicht.

Irgendwann kann daraus die Botschaft entstehen: Mein Leben geht nicht.

Der Tanzbereich stellt eine andere Frage:

Was ist innerhalb meiner heutigen Grenzen möglich und was möchte ich mit diesem Raum anfangen?

Erst verstehen, dann gestalten

Damit Pacing funktionieren kann, müssen Familien zunächst verstehen, wo die aktuelle Belastungsgrenze liegt. Deshalb beginnt eine sinnvolle Auseinandersetzung mit Beobachtung.

Was kostet Energie? Wann treten Symptome auf? Welche Warnzeichen gibt es? Wie verändert sich die Belastbarkeit über den Tag? Was passiert nach einer Aktivität? Welche körperlichen, kognitiven, emotionalen, sozialen oder sensorischen Anforderungen kommen gleichzeitig zusammen?

Und vor allem: Wie groß ist die tatsächliche Baseline, nicht die, die wir uns wünschen würden?

Erst auf dieser Grundlage kann Gestaltung beginnen.

Vielleicht sind zwei Stunden mit Freunden zu viel, aber zwanzig Minuten möglich. Vielleicht funktioniert ein kompletter Schulvormittag nicht, aber eine einzelne wichtige Unterrichtsstunde. Vielleicht ist ein Ausflug nicht machbar, ein Picknick auf der Terrasse dagegen schon.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht nur: Geht das?

Sondern auch: Wie könnte es gehen?

Kürzer? Mit weniger Reizen? Im Liegen? Zu einer anderen Tageszeit? Mit Vorbereitung oder anschließender Erholung? Oder anstelle einer anderen Aktivität?

So wird Pacing zu einer Form von Gestaltungskompetenz.

Der Alltag braucht mehr als einen Energieplan

Für Familien können konkrete Bilder und Werkzeuge dabei helfen, diese Überlegungen greifbarer zu machen.

Ein Beispiel ist das Tagesregal: Ein Tag bietet nur begrenzt Platz, und unterschiedliche Tätigkeiten benötigen unterschiedlich viel davon. Manche brauchen zusätzlich besonders viel Entlastung und Erholung.

Dabei geht es nicht darum, das Regal möglichst leer zu halten. Es geht darum, genauer hinzusehen: Was beansprucht vor allem den Kopf? Was den Körper? Wo spielen Reize eine Rolle? Was ist emotional anstrengend? Was kann abwechseln? Wo braucht es echte Erholung?

Auch Belastungskurven können helfen, den Blick über das Ende einer Aktivität hinaus zu richten. Eine Belastung endet für den Körper nicht zwingend in dem Moment, in dem die Tätigkeit beendet wird. Was anschließend gebraucht wird, hängt unter anderem von der Ausgangssituation und der Art der Belastung ab.

Eine fest eingeplante halbe Stunde „Pause“ ist deshalb nicht automatisch die richtige Antwort.

Hilfreicher ist die Frage:

Was braucht dieser Körper nach dieser Belastung in dieser Ausgangssituation?

Messwerte und Körperwahrnehmung zusammendenken

Daten können dabei wertvoll sein. Puls, Schritte, Aktivitätszeiten oder Symptomprotokolle können Zusammenhänge sichtbar machen, die im Alltag sonst leicht übersehen werden.

Doch Pacing sollte nicht dazu führen, dass ein junger Mensch für jede Entscheidung zuerst auf eine Uhr schauen muss.

Genauso wichtig ist es, den eigenen Körper wieder lesen zu lernen: Wie fühlt sich beginnende Überlastung an? Welche Signale kommen früh, welche spät? Wann braucht es tatsächlich Ruhe und wann vielleicht eher einen Wechsel?

Im besten Fall ergänzen sich äußere Beobachtung und innere Wahrnehmung. Das Kind wird zunehmend selbst zum Experten für seinen eigenen Tanzbereich.

„Ruh dich aus!“ ist noch kein Pacing

Besonders wichtig ist dabei der Blick auf die ganze Familie.

Ein Kind soll lernen, seine Grenzen ernst zu nehmen, während der restliche Familienalltag vielleicht von Zeitdruck, Terminen, Leistung und ständigem Funktionieren geprägt ist. Pausen gibt es erst, wenn alles andere erledigt ist und gleichzeitig hört das erkrankte Kind: „Du musst besser auf deinen Körper hören.“

Das ist schwer.

Kinder lernen nicht nur durch Erklärungen. Sie lernen auch durch das, was Familie täglich vorlebt.

Wenn Pause etwas ist, das man sich verdienen muss, wird es schwierig, einem erkrankten Kind zu vermitteln, dass Erholung ein selbstverständlicher Teil des Tages sein darf.

Vielleicht müssen deshalb nicht nur Kinder mit ME/CFS Pacing lernen.

Vielleicht dürfen Familien gemeinsam P(e)acing lernen.

Nicht jeder hat dieselbe Tanzfläche. Aber eine Familie kann gemeinsam lernen, anders mit Energie, Pausen, Leistung, Bedürfnissen und Grenzen umzugehen.

P(e)acing: mit mehr Peace

P(e)acing soll den Alltag nicht noch komplizierter machen. Im Gegenteil: Es kann helfen, aus der ständigen Frage „Darf mein Kind das?“ herauszukommen und Familien dabei unterstützen, zunehmend selbst zu erkennen, zu entscheiden und anzupassen.

Die Baseline gibt Orientierung. Der Tanzbereich macht die aktuelle Belastbarkeit vorstellbar. Das Tagesregal hilft bei der Planung. Belastungskurven helfen dabei, Aktivität und anschließende Erholung zusammenzudenken. Körperwahrnehmung und Beobachtungsdaten können helfen, Muster zu erkennen.

Keines dieser Werkzeuge macht ME/CFS berechenbar. Aber sie können Unsicherheit reduzieren.

Das eigentlich Smarte daran ist deshalb nicht, einen perfekten Plan für jede Situation zu entwickeln. Es ist ein System zu schaffen, mit dem eine Familie auf wechselnde Situationen reagieren kann.

Denn ein guter Dienstag kann auf einen schlechten Mittwoch folgen. Eine Einladung kann nach Monaten plötzlich wieder möglich sein. Ein Arzttermin, ein Infekt oder ein Schulversuch kann alles verändern.

Pacing ist deshalb kein Konzept, das man einmal lernt und dann beherrscht. Es ist ein fortlaufender Prozess aus Beobachten, Verstehen, Ausprobieren, Reflektieren und Anpassen.

Nicht weniger Leben – sondern anders gestalten

Ich wünsche mir nicht, dass Kinder mit ME/CFS besonders gut darin werden, auf Dinge zu verzichten.

Ich wünsche mir, dass sie lernen, ihren Körper ernst zu nehmen, ohne ihn nur als denjenigen zu erleben, der ihnen ständig etwas verbietet. Dass sie Warnsignale erkennen, Belastung einschätzen und Erholung nicht als Niederlage verstehen. Und dass sie innerhalb ihrer Möglichkeiten möglichst viel Selbstwirksamkeit behalten.

Pacing darf deshalb nicht nur aus „Nein“, „Nicht so lange“ oder „Du musst dich ausruhen“ bestehen.

Es braucht auch die Frage:

„Okay. Das ist heute deine Tanzfläche. Was möchtest du auf ihr machen und wie können wir es so gestalten, dass dein Körper möglichst gut mitkommen kann?“

Das ist P(e)acing.

Nicht weniger ernst nehmen, dass ME/CFS Grenzen setzt. Nicht über diese Grenzen hinweggehen. Aber auch nicht das ganze Leben auf diese Grenzen reduzieren.

P(e)acing bedeutet: die eigene Tanzfläche erkennen, ihre Begrenzung akzeptieren und dann herausfinden, wie auf ihr möglichst viel Leben stattfinden kann.

Baseline & Pacing kennenlernen

Wer merkt, dass „Ruh dich aus“ auch in der eigenen Familie längst keine ausreichende Antwort mehr ist, kann Baseline & Pacing auf unterschiedliche Weise kennenlernen: als On-Demand-Kurs zum selbstständigen Durcharbeiten, im Live-Workshop oder mit einer anschließenden sechsmonatigen Pacingbegleitung.

Denn Pacing zu verstehen ist wichtig.

Es gemeinsam leben zu lernen, ist der nächste Schritt.

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