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Wut & Schutz: Warum Wut bei ME/CFS oft ein Signal überlasteter Grenzen ist
„Früher war ich gar nicht so.“
Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit immer wieder. Menschen mit ME/CFS erzählen, dass sie schneller gereizt sind, sich über Kleinigkeiten ärgern oder auf Situationen heftiger reagieren als früher. Gleichzeitig folgt oft unmittelbar das schlechte Gewissen: „Ich möchte doch nicht so sein.“ Oder: „Ich erkenne mich selbst kaum wieder.“
Viele bewerten ihre Wut als persönliches Versagen. Doch was, wenn sie gar nicht das eigentliche Problem ist? Was, wenn sie vielmehr ein wichtiges Signal unseres Körpers und unserer Psyche ist?
Wut ist mehr als ein unangenehmes Gefühl
In unserer Gesellschaft hat Wut keinen besonders guten Ruf. Während Traurigkeit oder Angst häufig Mitgefühl hervorrufen, wird Wut oft als etwas angesehen, das möglichst schnell verschwinden sollte.
Dabei erfüllt sie eine wichtige Funktion. Wut macht häufig deutlich, dass eine Grenze überschritten wurde. Sie zeigt, dass etwas nicht mehr stimmig ist oder dass eine Belastung größer geworden ist, als wir im Moment tragen können.
Für Menschen mit ME/CFS ist genau das oft Alltag.
Die Erkrankung bringt nicht nur körperliche Einschränkungen mit sich. Hinzu kommen Arzttermine, Anträge, Unsicherheiten, Missverständnisse, finanzielle Sorgen oder der Kampf um Unterstützung. Viele Familien bewegen sich dauerhaft an ihrer Belastungsgrenze, manchmal sogar weit darüber hinaus.
Wenn das Fass längst voll ist
Stell dir ein Glas vor, das sich langsam mit Wasser füllt.
Jedes Telefonat, jeder Termin, jede Unsicherheit, jede Reizüberflutung und jede zusätzliche Aufgabe lässt den Wasserstand ein Stück steigen. Irgendwann genügt ein einziger Tropfen und das Glas läuft über.
Von außen wirkt die Reaktion dann vielleicht unverhältnismäßig.
Doch tatsächlich ist nicht dieser eine Tropfen das Problem. Entscheidend ist, dass das Glas bereits vorher randvoll war.
So erleben viele Menschen mit ME/CFS ihren Alltag. Nicht die eine Bemerkung löst die Wut aus. Nicht die eine Frage oder der eine Termin. Es ist die Summe unzähliger Belastungen, die sich über Tage, Wochen oder Monate aufgebaut haben.
Warum gut gemeinte Hilfe manchmal schmerzt
Besonders schwierig wird es, wenn Menschen helfen möchten.
Sätze wie „Hast du schon einmal … ausprobiert?“, „Du musst positiv denken.“ oder „Ein bisschen Bewegung tut bestimmt gut.“ entstehen häufig aus ehrlicher Fürsorge.
Trotzdem können sie sich für Betroffene belastend anfühlen.
Nicht, weil Hilfe grundsätzlich unerwünscht wäre. Sondern weil solche Aussagen oft vermitteln, dass die Erkrankung noch nicht wirklich verstanden wurde. Viele Betroffene erleben immer wieder, dass sie ihre Situation erklären, rechtfertigen oder verteidigen müssen.
Die Wut richtet sich dann selten gegen die Person selbst. Viel häufiger richtet sie sich gegen die Erfahrung, mit der eigenen Realität immer wieder nicht ernst genommen zu werden.
Wut schützt oft etwas Wertvolles
Unter Wut liegen häufig andere Gefühle.
Erschöpfung. Verletzlichkeit. Angst. Hilflosigkeit oder Trauer.
Wut kann wie ein Schutzschild wirken. Sie signalisiert: Bis hierher – und nicht weiter.
Gerade Menschen mit ME/CFS haben oft lange versucht, trotz ihrer Erkrankung zu funktionieren. Sie haben Termine wahrgenommen, Erwartungen erfüllt und eigene Bedürfnisse zurückgestellt.
Vielleicht ist die Wut deshalb manchmal kein Zeichen dafür, dass etwas „falsch läuft“. Vielleicht zeigt sie vielmehr, dass ein Teil von uns beginnt, die eigenen Grenzen endlich ernst zu nehmen.
Deshalb lautet die entscheidende Frage häufig nicht: „Wie werde ich meine Wut los?“
Sondern: „Was möchte mir diese Wut sagen?“
Welche Grenze wurde überschritten? Welche Belastung ist gerade zu viel? Und welche Erwartungen passen vielleicht nicht mehr zu der aktuellen Lebenssituation?
Warum der Herbst für viele besonders herausfordernd ist
Viele Betroffene berichten, dass der Herbst eine besonders anstrengende Zeit ist.
Nach den Sommerferien nimmt das Leben wieder Fahrt auf. Schulen starten, Behörden arbeiten wieder mit voller Kapazität, Termine häufen sich und auch im privaten Umfeld steigen häufig die Erwartungen.
Während für viele Menschen der Alltag wieder beginnt, erleben Menschen mit ME/CFS oft das Gegenteil: Sie spüren noch deutlicher, dass sie dieses Tempo nicht mitgehen können.
Die Wut, die in dieser Zeit entstehen kann, ist deshalb häufig kein Ausdruck von Schwäche. Sie ist vielmehr ein Hinweis darauf, dass das gesamte System bereits überlastet ist.
Orientierung statt Selbstvorwürfe
Wut muss nicht bekämpft werden. Häufig lohnt es sich vielmehr, neugierig auf sie zu werden.
Denn sie kann uns zeigen, wo unsere Belastungsgrenzen liegen, welche Situationen uns überfordern und wo wir mehr Schutz brauchen.
Gerade bei ME/CFS geht es oft nicht darum, noch stärker zu funktionieren. Sondern darum, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen und Wege zu finden, mit der Erkrankung möglichst belastungssensibel umzugehen.
Einladung zum kostenfreien Orientierungsworkshop
Wenn dir diese Dynamiken bekannt vorkommen und du besser verstehen möchtest, warum sich im Alltag mit ME/CFS vieles so überwältigend anfühlt, lade ich dich herzlich zu meinem kostenfreien Orientierungsworkshop ein.
An sechs Tagen schauen wir gemeinsam auf typische Belastungsdynamiken bei ME/CFS, sprechen über Eskalationsspiralen in Familien und Hilfesystemen und entwickeln Orientierung, ohne ständig nach der nächsten schnellen Lösung suchen zu müssen.
Start: 31. Juli, 17:00 Uhr
Der Workshop richtet sich an Betroffene, Angehörige und alle, die ME/CFS besser verstehen möchten.