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Kann man ein überreiztes Gehirn trainieren?
Neuroplastizität, Reizfilterung und ME/CFS
„Das Gehirn ist neuroplastisch.“
Dieser Satz fällt inzwischen erstaunlich häufig, wenn es um chronische Erkrankungen, Schmerzen, Fatigue oder eine starke Empfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und anderen Reizen geht.
Und tatsächlich stimmt er: Unser Gehirn kann lernen, sich anpassen und verändern, auch im Erwachsenenalter und auch während einer Erkrankung.
Daraus entsteht schnell eine Hoffnung: Wenn das Gehirn sich verändern kann, müsste man es doch auch trainieren können. Vielleicht könnte man ihm beibringen, Reize wieder besser auszublenden. Vielleicht müsste man sich ihnen nur langsam wieder aussetzen. Vielleicht hat sich das Nervensystem an einen Alarmzustand „gewöhnt“ und muss nun lernen, dass keine Gefahr besteht.
Genau hier wird es kompliziert.
Denn Neuroplastizität ist eine Fähigkeit des Nervensystem, aber kein Heilungsversprechen.
Gerade bei ME/CFS ist diese Unterscheidung entscheidend. Denn einerseits können Strategien aus Aufmerksamkeitssteuerung, Stressregulation, Lernen und Neurorehabilitation hilfreich sein. Andererseits kann der Versuch, eine krankheitsbedingte Belastungsgrenze „wegzutrainieren“, zu Überlastung und Post-Exertional Malaise (PEM) führen.
Es lohnt sich deshalb, genauer hinzusehen.
Was meinen wir eigentlich mit „schlechter Reizfilterung“?
Viele Menschen mit ME/CFS kennen Situationen wie diese:
Ein Gespräch funktioniert noch ganz gut, bis im Hintergrund jemand den Geschirrspüler ausräumt.
Der Fernseher läuft und gleichzeitig spricht jemand. Plötzlich versteht man weder das eine noch das andere.
Das Licht im Supermarkt ist unerträglich hell. Musik, Stimmen, Bewegungen, Gerüche und die Suche nach dem richtigen Produkt vermischen sich zu einem einzigen anstrengenden Reizteppich.
Oder man merkt erst nach einem Gespräch, wie viel Kraft es gekostet hat, den Worten zu folgen und gleichzeitig alles andere auszublenden.
Umgangssprachlich lässt sich das gut als „schlechte Reizfilterung“ beschreiben.
Neurologisch ist dieser Begriff allerdings eine Vereinfachung. Unser Gehirn besitzt nicht irgendwo einen einzelnen „Reizfilter“, der bei ME/CFS einfach falsch eingestellt wäre. Wahrnehmung und Reizverarbeitung entstehen durch das Zusammenspiel verschiedener Prozesse: Aufmerksamkeit, sensorische Verarbeitung, Auswahl relevanter Informationen, Hemmung unwichtiger Informationen, autonome Regulation und die jeweils verfügbaren Verarbeitungsressourcen.
Wenn diese Prozesse nicht mehr zuverlässig funktionieren, kann sich das anfühlen wie:
„Alles kommt ungefiltert bei mir an.“
Dieses Erleben ist real. Es erklärt aber noch nicht automatisch, warum es entsteht.
Und genau diese Unterscheidung brauchen wir, bevor wir über Training sprechen.
Neuroplastizität: eine erstaunliche Fähigkeit – aber kein Heilungsversprechen
Neuroplastizität bezeichnet die Fähigkeit des Nervensystems, sich durch Erfahrungen, Lernen, Übung und veränderte Anforderungen anzupassen.
Wenn wir Klavierspielen lernen, findet Neuroplastizität statt.
Wenn wir nach einem Schlaganfall Bewegungsabläufe neu erlernen, nutzen wir Neuroplastizität.
Wenn wir eine Fremdsprache lernen oder eine neue Route automatisieren, verändert sich unser Gehirn.
Auch Psychotherapie nutzt Lernprozesse und damit neuroplastische Mechanismen.
Aber daraus folgt etwas Entscheidendes nicht:
Nur weil das Gehirn lernen kann, bedeutet das nicht, dass jede krankheitsbedingte Einschränkung durch Training wieder verlernt werden kann.
Ein einfaches Beispiel:
Nach einem gebrochenen Bein kann ein Mensch Angst vor bestimmten Bewegungen entwickeln. Wenn der Knochen längst verheilt ist, kann das Nervensystem bestimmte Bewegungen trotzdem weiterhin mit Gefahr verbinden. Hier kann Lernen helfen.
Wenn der Knochen dagegen noch nicht ausreichend belastbar ist, macht die Neuroplastizität des Gehirns den Knochen nicht belastbarer.
Bei ME/CFS sind die Zusammenhänge natürlich wesentlich komplexer. Körperliche Einschränkungen, Erfahrungen, Erwartungen, autonome Reaktionen und Lernprozesse können gleichzeitig vorhanden sein.
Gerade deshalb müssen wir sie auseinanderhalten.
Was lässt sich also trainieren?
Mehr, als man vielleicht zunächst denkt.
Auch mit ME/CFS können Menschen lernen, mit ihrer vorhandenen Verarbeitungskapazität günstiger umzugehen.
Zum Beispiel kann man herausfinden:
- Unter welchen Bedingungen funktionieren Gespräche besser?
- Sind schriftliche Informationen leichter aufzunehmen als mündliche?
- Hilft es, Hintergrundgeräusche zu reduzieren?
- Welche Reize verstärken sich gegenseitig?
- Woran erkenne ich frühzeitig, dass meine Reizverarbeitung schlechter wird?
- Welche Abläufe kann ich automatisieren, damit sie weniger kognitive Ressourcen benötigen?
Man kann Aufmerksamkeit gezielter einsetzen und individuelle Frühwarnzeichen erkennen.
Und es kann Situationen geben, in denen sich zusätzlich eine erlernte Alarmreaktion entwickelt hat.
Wer mehrfach erlebt, dass ein bestimmter Reiz anschließend starke Beschwerden auslöst, kann bereits beim Auftreten dieses Reizes mit Anspannung reagieren. Erwartung, Aufmerksamkeit und autonome Reaktionen können das Erleben zusätzlich beeinflussen.
Auch daran kann man arbeiten.
Das bedeutet nicht, dass die ursprüngliche körperliche Reaktion eingebildet war.
Es bedeutet lediglich:
Körperliche Erkrankung und gelernte Reaktionsmuster können gleichzeitig existieren.
Und dort, wo Lernen beteiligt ist, kann neues Lernen sinnvoll sein.
Aber kann ich meine Reiztoleranz nicht einfach langsam steigern?
Hier liegt wahrscheinlich die schwierigste Frage.
Bei manchen Erkrankungen und Problemen kann eine schrittweise Gewöhnung an bestimmte Reize sinnvoll sein. Ein Nervensystem kann lernen, dass bestimmte Reize ungefährlich sind.
Deshalb klingt die Idee zunächst plausibel:
„Wenn Geräusche anstrengend sind, muss ich mein Gehirn eben langsam wieder an Geräusche gewöhnen.“
Bei ME/CFS müssen wir jedoch eine weitere Möglichkeit berücksichtigen:
Der Reiz könnte nicht nur als Gefahr bewertet werden.
Seine Verarbeitung könnte tatsächlich Belastung darstellen.
ME/CFS ist durch eine krankhafte Reaktion auf Belastung gekennzeichnet. Diese Belastung ist nicht ausschließlich körperlich. Auch kognitive, emotionale und soziale Aktivitäten können zur Gesamtbelastung beitragen und PEM auslösen.
Damit verändert sich die Logik eines Trainings.
Wir müssen mindestens zwei Situationen unterscheiden:
Situation 1: Das Gehirn schlägt Alarm, obwohl ausreichend Kapazität vorhanden wäre.
Hier können vorsichtiges Lernen, Gewöhnung, Aufmerksamkeitssteuerung und Regulation hilfreich sein.
Situation 2: Die Verarbeitung überschreitet gerade die verfügbare Kapazität.
Hier kann wiederholte Exposition schlicht wiederholte Überlastung bedeuten.
Von außen können beide Situationen erstaunlich ähnlich aussehen.
Genau deshalb ist der Satz „Du musst dein Gehirn wieder daran gewöhnen“ bei ME/CFS zu einfach.
Ein Beispiel: der Supermarkt
Stellen wir uns zwei Menschen vor, die nach längerer Erkrankung kaum noch einen Supermarkt betreten können.
Beide erleben Herzklopfen, Anspannung und das dringende Bedürfnis, den Laden möglichst schnell wieder zu verlassen.
Bei Person A ist die körperliche Belastbarkeit inzwischen deutlich besser geworden. Trotzdem hat sich nach vielen schlechten Erfahrungen eine starke Erwartungs- und Alarmreaktion entwickelt. Schon der Gedanke an den Supermarkt aktiviert das Nervensystem.
Für diese Person könnte eine sehr behutsame Wiederannäherung hilfreich sein.
Person B befindet sich dagegen weiterhin innerhalb einer sehr kleinen Belastungsgrenze.
Autofahrt, Gehen, aufrechte Körperhaltung, Licht, Musik, Stimmen, visuelle Orientierung, Entscheidungen und ein kurzes Gespräch an der Kasse summieren sich innerhalb weniger Minuten zu einer erheblichen Belastung.
Auch Person B bekommt Herzklopfen und möchte hinaus.
Wenn wir nun sagen: „Das ist dein Nervensystem. Du musst ihm zeigen, dass der Supermarkt ungefährlich ist.“ könnten wir eine wichtige Information übersehen.
Der Supermarkt kann objektiv ungefährlich sein. Die Belastung kann trotzdem zu hoch sein. Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Reizschutz ist nicht automatisch Vermeidung
Auch hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.
Eine Sonnenbrille, geräuschreduzierende Kopfhörer, ein ruhiger Raum oder das Abschalten des Fernsehers während eines Gesprächs können bei ME/CFS schlicht Belastungsmanagement sein.
Das Ziel ist dann nicht:
„Mein Gehirn darf keine Geräusche mehr hören.“
Sondern:
„Ich reduziere unnötige Belastung, damit meine begrenzte Verarbeitungskapazität für das zur Verfügung steht, was mir wichtig ist.“
Das ist ein vollkommen anderes Konzept. Gleichzeitig muss Schutz nicht für immer gleich bleiben.
Wenn sich der gesundheitliche Zustand verändert, kann sich auch die Reiztoleranz verändern.
Vielleicht verträgt jemand zunächst nur zehn Minuten Gespräch in einem stillen, abgedunkelten Raum. Monate später funktioniert dieselbe Unterhaltung am offenen Fenster. Irgendwann vielleicht sogar mit leiser Musik im Hintergrund. Dann kann man ausprobieren, was inzwischen möglich ist. Der entscheidende Maßstab ist jedoch nicht:
„Habe ich mich überwunden?“
Sondern:
„Wie hat mein Körper auf diese Belastung reagiert, auch Stunden und Tage später?“
Bei ME/CFS gehört die verzögerte Reaktion zur Beurteilung einer Aktivität dazu.
Ein Training, das währenddessen funktioniert, aber anschließend wiederholt PEM verursacht, ist nicht allein deshalb erfolgreich, weil die Aufgabe kurzfristig bewältigt wurde.
Vielleicht sollten wir weniger vom „Training“ sprechen
Vielleicht ist ein anderer Gedanke hilfreicher:
Wir können Bedingungen schaffen, unter denen das Gehirn möglichst gut arbeiten kann.
Dann verändert sich die Frage. Nicht mehr:
„Wie zwinge ich mein Gehirn, mehr auszuhalten?“
Sondern:
„Was braucht mein Gehirn, damit es mit den momentan vorhandenen Ressourcen möglichst gut arbeiten kann?“
Das kann Reizreduktion sein. Es kann eine Pause sein. Es kann bedeuten, immer nur eine Informationsquelle gleichzeitig zu nutzen. Es kann aber ebenso bedeuten, eine Fähigkeit vorsichtig wieder häufiger einzusetzen, wenn der Körper sie inzwischen toleriert. Manchmal ist Schutz richtig. Manchmal ist Übung richtig. Manchmal ist beides gleichzeitig richtig. Und manchmal verändert sich die richtige Antwort im Verlauf einer Erkrankung.
Und was ist mit „Brain Retraining“?
Genau an dieser Stelle wird die Diskussion besonders kontrovers.
Programme unter Begriffen wie „Brain Retraining“ oder „Neuroplasticity Training“ greifen teilweise auf reale Phänomene zurück: Lernen, Aufmerksamkeitslenkung, Entspannung, Meditation, Veränderung automatisierter Reaktionsmuster und neuroplastische Anpassungsprozesse.
Die entscheidende wissenschaftliche Frage lautet deshalb nicht:
„Gibt es Neuroplastizität?“ Natürlich gibt es sie.
Interessanter sind andere Fragen:
- Welche Bestandteile eines Programms wirken bei welchen Menschen auf welche Symptome?
- Wie gut ist das wissenschaftlich untersucht?
- Werden subjektive Symptome beeinflusst, oder verändert sich auch die körperliche Belastbarkeit?
- Was passiert mit Menschen, bei denen ein solches Programm nicht funktioniert?
Und vor allem: Rechtfertigen die vorhandenen Daten die teilweise sehr weitreichenden Erklärungs- und Heilungsversprechen?
Diesen Fragen widmen wir uns im zweiten Teil dieser Reihe:
Brain Retraining bei ME/CFS – was kann es evidenzbasiert tatsächlich leisten?
Wir schauen uns Studien, Programme und Behauptungen genauer an, ohne ein möglicherweise hilfreiches Werkzeug vorschnell abzuwerten, aber ebenso ohne aus dem Begriff „Neuroplastizität“ mehr abzuleiten, als die Forschung hergibt.
Schutz oder Training – woran kann ich mich orientieren?
Das ist wahrscheinlich die praktisch wichtigste Frage.
Denn im Alltag steht niemand vor einem Supermarkt und denkt:
„Interessant, handelt es sich bei meiner momentanen Geräuschempfindlichkeit überwiegend um eine konditionierte autonome Alarmreaktion oder um eine Überschreitung meiner krankheitsbedingt reduzierten sensorisch-kognitiven Verarbeitungskapazität?“
Man möchte wissen:
Gehe ich hinein oder nicht? Setze ich die Kopfhörer auf oder sollte ich versuchen, sie wegzulassen? Fordere ich mein Gehirn gerade sinnvoll, oder überfordere ich meinen Körper?
Genau darum wird es im dritten Teil dieser Reihe gehen:
Reize vermeiden oder das Gehirn wieder daran gewöhnen?
Dort geht es ganz praktisch darum, welche Beobachtungen bei dieser Entscheidung helfen können, welche Rolle PEM spielt und wie vorsichtiges Ausprobieren aussehen kann, ohne daraus ein „Du musst dich nur mehr trauen“ zu machen.
Was wir bis dahin festhalten können
Unser Gehirn ist kein statisches Organ.
Es lernt ständig. Es passt sich an Erfahrungen an. Es kann Strategien entwickeln, Funktionen neu organisieren und Reaktionen verändern.
Auch ein Gehirn mit ME/CFS verliert diese Fähigkeit nicht grundsätzlich.
Das ist eine gute Nachricht. Aber Neuroplastizität ist keine Zauberformel.
Sie bedeutet nicht, dass jede Einschränkung des Nervensystems erlernt wurde. Sie bedeutet nicht, dass eine körperliche Erkrankung durch die richtigen Gedanken rückgängig gemacht werden kann. Und sie bedeutet insbesondere nicht, dass das Überschreiten einer körperlichen Belastungsgrenze therapeutisches Gehirntraining ist.
Vielleicht brauchen wir deshalb einen etwas weniger spektakulären, dafür aber hilfreicheren Gedanken:
Ich kann mein Gehirn unterstützen, Fähigkeiten trainieren und ungünstige erlernte Reaktionen verändern. Gleichzeitig darf ich anerkennen, dass mein Körper mir krankheitsbedingt Grenzen setzt.
Diese beiden Aussagen widersprechen sich nicht. Im Gegenteil:
Gutes Training beginnt möglicherweise genau dort, wo wir gelernt haben, den Unterschied zu erkennen.
Dieser Blogartikel ist Teil 1 einer dreiteiligen Reihe.
Demnächst:
Teil 2: Brain Retraining bei ME/CFS – was kann es evidenzbasiert tatsächlich leisten?
Teil 3: Reize vermeiden oder das Gehirn wieder daran gewöhnen? Orientierung für den Alltag mit ME/CFS